Der Hasenkaiser

(c) von Sibylle Ringling

Einst lebte in einem grünen, verwunschenen Wald ein kleiner, dicker Mann mit einem langen, weißen und nach unten hin spitz zulaufenden Bart. Dieses kleine, opulente Männchen, war nicht gar ein gewöhnliches Wesen, sondern gleich ein Kaiser. Dieser Kaiser besaß auch einen Namen. Er hieß Bernulf. Kaiser Bernulf regierte über ein geheimes Reich, welches sich über eine große, sonnige Waldlichtung, erstreckte. Die Waldlichtung hatte ein unförmiges, rechteckiges Aussehen und das grüne Gras, war von einer angemessenen Sonneneinstrahlung bedacht. Auf der Waldlichtung herrschte ein reges Treiben. Kaiser Bernulf besaß einen großen Fliegenpilz, den er mit Baumwurzeln zu einem Palast umgebaut hatte. Dieser Palast war für das Männchen groß und geräumig genug, um dort ausladend leben zu können. In diesem Palast, wohnten noch fünf andere solch kleine Gestalten, wie Kaiser Bernulf. Es waren dies fünf weiße und schlanke Elfen, alle mit einer hellen, porzellanartigen Hautfarbe versehen. Die Elfen waren sehr anmutig und elegant anzuschauen, und verrichteten bei Sonnenuntergang, während alle Tiere schon selig schlummerten, ihren allabendlichen Reigen in dem hohen, nach Sommer dufteten Gras. Anmutig und mystisch war ihr Tanz anzusehen und Kaiser Bernulf freute sich sehr dabei. Kaiser Bernulf fehlte es an nichts. Auf der Waldlichtung wuchsen hohes Gras, Klee und extra viel Löwenzahn. Gerade wegen dem vielen Löwenzahn, hatte sich eine Horde Zwergkaninchen auf der Waldlichtung angesiedelt und waren dem Kaiser Bernulf gleich Untertan. Die Hasen hatten sich anständig verneigt und verlebten nun ihr Leben auf der Lichtung. Die Hasen wollten einfach nicht mehr weg von ihrem neuen zu Hause gehen und die Elfen rund um den Kaiser Bernulf, versorgten die Hasen mit frischen Wasser aus dem nahe gelegenen kleinen Bach, mit dem kühlen und wohltuenden Wasser, mit Gras und mit Klee. Den großen Löwenzahn, wollten die Hasen selbst fressen.

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"Mama, was machen wir heute ?", fragte die kleine Maike von vielleicht 7 Jahren. Sie hatte gerade Osterferien bekommen und wollte mit ihren Eltern etwas spannendes erleben. Ihre Mutter Beate, stand im Moment in der Küche und erledigte den Abwasch. Sie war gleich fertig. Sie antwortete ihrer kleinen Tochter:" Ich habe dir doch versprochen, dass wir kurz vor dem Osterfest zu dem verwunschenen Wald fahren werden, wo es ganz viele niedliche Hasen gibt, mit denen du spielen kannst. Du kannst mit ihnen reden, sie streicheln und sie füttern." "Oh ja," antwortete Maike. "Mama, das wird sicher ein Spaß. Fährt Papi und mein Bruder auch mit ?" "Die ganze Familie kommt mit und nun räume dein Zimmer auf und ziehe dich an, damit wir bald losfahren können." Schnell wie der Blitz rannte Maike die kurze Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. In ihrem Zimmer, erledigte sie schnell den Auftrag ihrer Mutter. Sie stand nun vor ihrem Kleiderschrank, trug eine geflochtene Frisur und überlegte: "Soll ich diesen Pullover anziehen, oder jenen ?" Dann entschied sich Maike für einen hellblaunen Pullover und ihre Lieblingsjeans. Schnell rannte Maike wieder die Treppe nach unten und sah nach ihrer Mutter.

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Familie Rinsch saß im Auto. Der Vater, Reinhold Rinsch, fuhr den Wagen. Er fuhr langsam und mit Bedacht, er wollte seine liebe Familie schonen. "Gleich biegen wir in den Wald ein, wo es eine Lichtung gibt," erklärte der Vater. "Auf der Lichtung habe ich neulich viele Hasen in der Abenddämmerung spielen sehen und an einem anderen Mittag ebenfalls. Ich denke, dass die Hasen dort angesiedelt sind. Sie sind braun und schnell. Ich hoffe, die Hasen sind nicht zu scheu uns Menschen gegenüber. Es dauert nicht mehr lange. In ungefähr zehn Minuten sind wir dort." Maike und ihr Bruder Jan haben gespannt zugehört. Für Maike war es ein richtig geheimnisvoller Ausflug und auf einmal bemerkte Maike etwas. Sie sah auf einmal einen großen, runden Fliegenpilz an ihrer Autoscheibe durchsichtig aufblinken. Verwundert blinzelte Maike mit ihren Augen und dachte bei sich, "was ist mir passiert ? Soll ich dies Mama oder Papa berichten ?" Maike entschied sich, ihren Eltern nichts von ihrem mystischen Erlebnis, zu erzählen. Stattdessen griff sie nach einem Blatt Papier und nach einem bunten Stift, der im Auto auf dem Rücksitz zwischen den Kindern lag, und schrieb darauf: Fliegenpilz gesehen, sage nichts den Eltern ! und reichte das beschriebene Blatt an ihren Bruder weiter. Sie sah zu, wie ihr Bruder die Zeile las und er versprach:" Ich werde nichts unseren Eltern davon erzählen." Als der elfjährige Jan das Blatt noch in der Hand hielt, erschien ihm auch der Fliegenpilz in der Autoscheibe. Der Glas durchscheinende Fliegenpilz, wurde von Kindern gesichtet, die ihr 12. Lebensjahr vollendet hatten. Der Hasenkaiser Bernulf versendete das magische Bild von seinem Palast aus, wann immer der Kaiser witterte, dass Kinder ihn besuchen kamen, um mit seinen Hasen spielen wollten.

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"Meine Kinder, brütet ihr ein Geheimnis aus ?", fragte der Vater und wartete keine Antwort ab. "Geheimnisse sind dafür da, dass ihr sie für euch behaltet," sagte Reinhold nun lächelnd und gut gelaunt. Er fuhr etwas schneller. "Wir sind übrigens gleich da. Ich muss nur noch in diese Waldstraße abbiegen," gab Reinhold seiner Familie Auskunft. Er bog in eine gerade Straße ein und hielt kurze Zeit später auf einer überschaubaren Waldlichtung an. Das Auto stand nun auf einem matschigen und schlecht befahrbaren Untergrund und hielt an. Bremsen quietschten und das Auto hinterließ Reifenspuren. Zuerst stiegen Reinhold und Beate aus dem Auto, dann schauten die Eltern nach ihren Kindern. Maike hatte das beschriebene Blatt Papaier am Ende noch umgedreht, so dass die Nachricht, die darauf stand, nicht zu lesen war. Beruhigt atmete Maike auf, weil ihre Eltern die Zeile auf dem Blatt Papier nicht lesen konnten. Die Eltern zogen ihre Sprößlinge mit Jacken und dem warmen Schal an. Es war Frühjahr und in diesem April war es trocken und kalt. Handschuhe mussten die Kinder nicht tragen, schließlich wollten sie mit Hasen spielen. Ein Blick auf den Wegweiser sagte, dass die Familie noch zehn Minuten zu Fuß die große Waldlichtung weiter laufen konnten, bis sie auch den großen Fliegenpilz sahen, den Kaiser Bernulf bewohnte. Maike wurde komisch zu Mute, je näher die Familie auf den Pilzbestand der Waldlichtung zu lief. Auf einmal durchfuhr Maike den größten Schreck ihres Lebens, als sie den großen, roten Fliegenpilz wiedersah, der ihr im Auto erschienen war. "Das ist genau der Fliegenpilz, den ich im Auto sah," flüsterte Maike ihrem großen Bruder zu. Dieser nickte mit einer Angst, die ihn gerade befiel, denn die Geschichte erschien ihm als eine Spur zu mystisch.

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Mit beklommenen und ängstlichen Gefühlen liefen die Kinder der Familie Rinsch hinter ihren Eltern her. Jetzt waren sie an der Stelle angekommen, an der ganz viele Pilze wuchsen. Der Vater betrachtete sich den Pilzbestand und hielt natürlichen Abstand zu den Pilzen, die mit ausgelegtem Holz durch irgendjemand auf natürliche Art und Weise abgesichert war. Vielleicht durch den Revierförster ? Die Mutter sah bereits nach den ersten Hasen ausschau und entdeckte sie im hohen Gras. Langsam lief Beate mit ihren Kindern zu dieser Stelle und Maike und Jan begannen, mit ihren unguten Gefühlen, die Hasen zu streicheln. Die Hasen unterhielten sich aufgeregt miteinander, dass dies gute Kinder wären, die gut auf sie aufpassten und ließen zu, dass die Kinder mit ihnen spielten. So kamen auf einmal immer mehr Hasen zum Vorschein und Maike und Jan waren auf einmal zusammen mit ihrer Mutter von ungefähr elf Hasen umringt. "Wir sind dem Hasen Kaiser Bernulf untertan," hörte Maike plötzlich einen Hasen zu ihr sprechen. Maike durchfuhr wieder einen Schrecken und sagte nun endlich zu ihrem Bruder:" Jan, dass sind mystische Hasen. Komm, wir wollen mal mit den Hasen reden und sehen, was sie uns berichten können." "Hase ?", fragte Maike den Hasen, der sie gerade angesprochen hatte. "Ich bin Hase Bertie, ich heiße so unter meines Gleichen," antwortete der Hase. "Ich erzähle dir, dass ich noch nicht so lange auf dieser Lichtung wohnen. Du bist eines der ersten Kinder, die uns besuchen kommen." "Was ist geschehen?", fragte Maike den Hasen erstaunt. So langsam entwich ihre Beklommenheit und ihre Angst und sie wollte gerne mit den Hasen reden. Ihrem Bruder erging es nämlich ganz ähnlich. "Wir Hasen wurden vor einiger, kurzer Zeit auf diese Lichtung aufmerksam. Ich mag es übrigens, wenn du mich kraulst und streichelst," erwiderte der Hase und Maike musste wieder über ein Unwohlsein nachdenken, welches sich bald legte und großer Freude wich. Maike und der Hase unterhielten sich den ganzen Nachmittag zusammen. Auch ihr Bruder Jan, fand Gesprächspartner unter den Tieren. Ihre Eltern freuten sich, dass der Ausflug so gut gelungen war.

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An demselben Abend, als die Familie längst wieder zu Hause war und Maike müde im Bett lag und noch mal über den Ausflug auf der Hasenlichtung nachdachte, schaute sie zu ihrer Fensterscheibe hin. Auf der Fensterscheibe brannte in roter, durchsichtiger Schrift folgende Nachricht auf:" Danke in Freundschaft, dein Hasen Kaiser Bernulf. Es war ein schöner Nachmittag, wir haben uns alle über euren Besuch gefreut." Maike weinte nun vor Erleichterung und dachte schließlich daran, wie gern sie mit den sprechenden Hasen gespielt hatte. Ihre Eltern werden von diesem Erlebnis nichts erfahren.